KI-Tools können den Requirements Engineer (RE) in den vier zentralen RE-Aktivitäten Ermittlung, Dokumentation, Validierung und Management von Anforderungen unterstützen. Dabei dient die KI als unterstützendes Werkzeug, um Aufgaben zu beschleunigen und die Konsistenz zu verbessern, ersetzt jedoch nicht das menschliche Urteilsvermögen.
Alle KI-generierten Ergebnisse müssen als ungeprüfte Entwürfe behandelt werden. Eine sorgfältige menschliche Überprüfung und Kuration durch den Requirements Engineer ist zwingend erforderlich.
Grundsatz im Umgang mit KI-Tools im Requirements Engineering
Die spezifischen Unterstützungsmöglichkeiten im Detail:
1. Anforderungsermittlung
In dieser Phase hilft die KI dabei, informellen Input in strukturierte Informationen zu überführen.
- Erkundung (Exploration): KI fasst Domänenwissen zusammen, identifiziert potenzielle Stakeholdergruppen und hilft bei der Erstellung von Interviewleitfäden. Sie kann auch Elemente des Systemkontexts (wie Dokumente oder Prozesse) aus vorhandenen Artefakten extrahieren.
- Transkription: Gesprochene Dialoge aus Interviews oder Workshops werden in strukturierte, durchsuchbare Formate umgewandelt. KI kann dabei Sprecher identifizieren und wichtige Diskussionspunkte zusammenfassen.
- Extraktion: KI analysiert E-Mails, Chats oder Protokolle, um implizite Anforderungen zu identifizieren, diese zu kategorisieren und potenzielle Lücken oder Widersprüche aufzudecken.
2. Dokumentation
KI unterstützt dabei, Anforderungen präzise auszudrücken und für verschiedene Zielgruppen aufzubereiten.
- Formulierung: KI hilft bei der Anwendung von Satzschablonen (z. B. nach IEEE-Standards) oder bei der Erstellung von User Stories inklusive Akzeptanzkriterien. Sie unterstützt zudem beim technischen Schreiben, um Fallstricke wie Passivformulierungen zu vermeiden.
- Transformation: Anforderungen können zwischen verschiedenen Formaten transformiert werden, beispielsweise von Text in visuelle Modelle (BPMN) oder umgekehrt. Auch die Erstellung von Prototypen (Wireframes, Mock-ups) auf Basis von Anforderungen ist möglich.
3. Validierung
In der Validierungsphase dient KI primär der Qualitätssicherung.
- Konsistenzprüfung: KI erkennt automatisch Widersprüche, Überschneidungen oder terminologische Inkonsistenzen innerhalb grosser Spezifikationen.
- Ableitung von Testfällen: KI kann direkt aus den vorliegenden Anforderungen Testfälle generieren, um die Validierung zu unterstützen.
- Prüfung gegen Code: In regulierten Branchen kann KI Spezifikationen mit dem implementierten Code vergleichen, um die Einhaltung von Vorschriften sicherzustellen.
4. Anforderungsmanagement
Hier hilft KI bei der Organisation und Strukturierung der Anforderungen.
- Zuweisung von Attributen: Die KI analysiert Anforderungen und schlägt Werte für Metadaten wie Priorität, Komplexität, Quelle oder Verantwortlichkeiten vor.
- Priorisierung: Auf Basis von Kriterien wie Geschäftswert, Dringlichkeit und Aufwand kann die KI eine Rangfolge der Anforderungen vorschlagen und Abhängigkeiten aufzeigen.