In der klassischen Anforderungsanalyse fragen wir meist: „Was soll das System können?“ oder „Was sind Ihre Wünsche?“. Doch oft bleiben dabei die kritischsten Aspekte auf der Strecke. Eine einfache, aber wirkungsvolle Methode, um diese Lücken zu füllen, ist die «Worst-Case»-Elicitation.

Die Kernidee: Perspektivenwechsel durch Provokation

Anstatt direkt nach positiven Zielen zu suchen, drehen wir den Spiess bewusst um. Wir stellen Fragen, die wehtun:

  • Was wäre das schlimmstmögliche Ergebnis, das mit diesem Produkt oder Prozess passieren könnte?
  • Was würde einen Stakeholder so richtig unzufrieden machen?
  • Was würde dazu führen, dass das gesamte Projekt als gescheitert gilt oder ein echtes PR-Desaster auslöst?

Warum das funktioniert (Motivation & Vorteile)

Menschen fällt es oft leichter, sich über Probleme zu beschweren oder Katastrophen auszumalen, als abstrakte Wünsche zu formulieren. Durch das bewusste Nachdenken über Fehler und Risiken werden Anforderungen sichtbar, die im „normalen“ Elicitation-Prozess oft untergehen:

  • Kritische Randbedingungen: Was muss zwingend vermieden werden?
  • Nicht-funktionale Anforderungen: Themen wie Datenschutz, Verfügbarkeit und Usability rücken automatisch in den Fokus.
  • Frühzeitige Risikominimierung: Wir identifizieren Gefahren, bevor sie real werden.


In vier Schritten zum Ziel

Die Methode lässt sich effizient in einem Workshop-Format (z. B. mit Post-Its) umsetzen:

  1. Worst-Case-Szenarien sammeln: Jeder Teilnehmer notiert für sich so viele Katastrophen-Szenarien wie möglich.
  2. Vorstellen & Clustern: Die Szenarien werden in der Gruppe präsentiert und nach Themen sortiert (z. B. Sicherheit, Performance oder Benutzerfreundlichkeit).
  3. Anforderungen ableiten: Für jedes Cluster werden konkrete Anforderungen formuliert, die das Risiko minimieren oder den Worst-Case aktiv verhindern sollen.
  4. Analyse & Priorisierung: Zum Abschluss wird reflektiert: Welche Anforderungen waren neu? Was hat überrascht? Welche Massnahmen müssen sofort umgesetzt werden?

Fazit

Die «Worst-Case»-Elicitation ist kein Zeichen von Pessimismus, sondern ein strategisches Werkzeug für robustere Systeme. Sie hilft dabei, über den Tellerrand der „Happy Path“-Szenarien hinauszuschauen und Produkte zu entwickeln, die auch in schwierigen Situationen bestehen.